Vermeintliche Seriosität täuscht
In den sozialen Medien schalten Unbekannte betrügerische Werbeanzeigen, in denen bekannte Finanzexpertinnen bzw. Finanzexperten oder lizenzierte Institute angeblich kostenlose Aktienempfehlungen oder die Vermittlung von Wissen zum Aktienhandel anbieten. Die Kriminellen kontaktieren potenzielle Opfer häufig auch direkt per WhatsApp-Nachricht oder versenden Freundschaftsanfragen von bekannten Personen, deren Facebook- oder Instagram-Profil sie gefälscht haben. Anlegerinnen und Anleger werden aufgefordert, einer Gruppe in einem Messenger-Dienst wie WhatsApp oder Telegram beizutreten.
Viele dieser Gruppen täuschen vor, zu einem bekannten ausländischen Unternehmen zu gehören, das angeblich in Deutschland oder Europa Fuß fassen möchte. Aber auch Identitäten deutscher lizenzierter Institute oder bekannter Unternehmen werden missbraucht, um der Gruppe den Anschein von Seriosität zu geben.
Vermeintliche Finanzexpertinnen oder Finanzexperten – auch hier werden teilweise Identitäten realer Personen missbraucht – teilen in der Gruppe über mehrere Wochen in täglichen Seminaren oder Unterrichtseinheiten ihr angeblich exklusives Wissen zu Finanzthemen und geben Empfehlungen zum Kauf von Aktien oder anderen Anlageprodukten. Der vermeintliche, in der Regel männliche Finanzexperte hat meist eine weibliche Assistentin, die den Gruppenchat moderiert und den Mitgliedern persönlich für Fragen oder auch Anlagetipps zur Verfügung steht. Die „Wissens-Gruppen“ enthalten oft den Namensbestandteil „School“, „Lerngruppe“ oder „Akademie“.
Die abgegebenen Aktienempfehlungen unterscheiden sich je nach Gruppe und dienen vorrangig dazu, Seriosität vorzutäuschen und Interessierte zum Handel zu motivieren. Die Gruppenmitglieder sollen die empfohlenen Aktien zunächst über ihre eigenen Depots handeln. Was auf den ersten Blick erfolgversprechend erscheint, ist Teil einer ausgeklügelten Betrugsmasche.
Ziel der Kriminellen: Ihr Vertrauen gewinnen
Die Initiatorinnen bzw. Initiatoren der Gruppen bauen über mehrere Wochen hinweg ein Vertrauensverhältnis zu deren Mitgliedern auf. Unterstützt werden sie hierbei auch von anderen Gruppenmitgliedern, die keine echten Verbraucherinnen und Verbraucher sind, sondern zu den Kriminellen gehören. Bei Marketing-Aktionen werden die Gruppenmitglieder aufgefordert, an täglichen Check-in-Aktionen oder Gewinnspielen teilzunehmen, um beispielsweise Krypto- oder Sachwerte zu gewinnen, die sie auch tatsächlich erhalten.
In anderen Fällen werden die Gruppenmitglieder beispielsweise dazu aufgefordert, an einer Abstimmung über die zukünftige CEO-Besetzung des Unternehmens teilzunehmen. All diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Gruppenmitglieder zu einer täglichen Interaktion mit den Betreiberinnen und Betreibern zu bewegen und so Vertrauen aufzubauen.
Auf Nachfrage werden Dokumente präsentiert, die vortäuschen, dass die Initiatorinnen bzw. Initiatoren der Gruppen und die dahinterstehenden Unternehmen durch Finanzaufsichtsbehörden lizenziert sind. Lassen Sie sich davon nicht blenden: Die Dokumente können gefälscht sein oder von einem anderen Unternehmen stammen, dessen Identität sich die Kriminellen unrechtmäßig bedienen.
Im weiteren Verlauf wird im Gruppenchat in der Regel ein innovatives Finanzinvestitionssystem vorgestellt, mit dem die Mitglieder angeblich große Gewinne erzielen können. Die Investitionsmöglichkeiten sind vielfältig. Sie reichen von einem eigenen vorbörslichen Krypto-Token, über vorbörsliche Aktien oder eigene Fonds bis zu einem angeblichen institutionellen Konto, auf dem die Expertin bzw. der Experte oder das angeblich von ihm vertretene Unternehmen mit dem Handelskapital aller Gruppenmitglieder handeln kann.
Der Einstieg in angebliche Handelsplattformen
Interessierte werden dazu verleitet, sich mit ihren persönlichen Daten bei einer externen Online-Handelsbörse oder einer Trading-App anzumelden, um mit den in der WhatsApp-Gruppe empfohlenen Finanzprodukten handeln zu können. Der Zugang zu diesen sehr erfolgversprechenden Investitionen oder Systemen – die Renditeversprechen reichen bis zu 700 Prozent – ist angeblich limitiert und nur für ausgewählte Gruppenmitglieder möglich. Meist muss ein Bewerbungsbogen oder ein Anmeldeformular ausgefüllt werden. In manchen Fällen wird mit exklusiven Testzugängen oder Demo-Konten zu den Investitionsplattformen geworben.
Beachten Sie: Google und Apple prüfen die Inhalte nicht, die über die jeweiligen App-Stores verfügbar sind. Daher können dort auch betrügerische Inhalte vorhanden sein. Nun verfügen die Kriminellen über die vollständigen persönlichen Daten der Anlegerin oder des Anlegers. Manchmal wird auch eine Kopie des Personalausweises verlangt. Es besteht die Gefahr, dass die Kriminellen die Personalien anschließend für weitere Straftaten verwenden. Kriminelle können die Personalien zum Beispiel nutzen, um betrügerische Websites zu registrieren. Die Kriminellen rufen auch ungebeten Personen an und präsentieren den potenziellen Opfern die Ausweiskopien, um eine vorgetäuschte Vertrauensbasis für einen Betrugsversuch zu schaffen.
Teilweise stellen die Initiatorinnen und Initiatoren der Gruppen ein Testguthaben zur Verfügung, mit dem die Anlegerinnen und Anleger auf den Plattformen testweise handeln können. Bis zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Anlegerinnen und Anleger keine eigenen finanziellen Mittel eingezahlt. Um das System auf die Probe zu stellen, wird eine Testauszahlung veranlasst. Dabei werden kleinere Beträge ausgezahlt – alles wirkt seriös.
Falsche Gewinne wiegen Opfer in Sicherheit
Nachdem die potenziellen Opfer von der Funktionsweise und der Seriosität der beworbenen Plattformen und Apps überzeugt worden sind, werden sie nun aufgefordert, selbst zu investieren. Für die Zahlungsabwicklung werden Anlegerinnen und Anleger häufig überredet, ein Konto (auch Wallet genannt) bei einem online erreichbaren Handelsplatz für Kryptowerte einzurichten. Über diese Wallets wird das eingezahlte Handelskapital zum Beispiel in Bitcoins umgetauscht, die jedoch nicht auf dem eigenen Handelskonto, sondern in der Wallet der betrügerischen Betreiber landen.
In anderen Fällen soll die Einzahlung über ausländische Konten abgewickelt werden. Hierbei handelt es sich in der Regel um Konten, die nicht den Betreiberinnen und Betreibern gehören, sondern der Verschleierung des Geldflusses dienen. Die Gutschrift der Einzahlungen auf der beworbenen Handelsplattform ist nur vorgetäuscht.
Ein Indiz hierfür ist in vielen Fällen, dass Belege über die Überweisungen an die Gruppenleitung oder Assistenz der Chatgruppe gesendet werden sollen. So erfahren diese, welchen Betrag sie dem angeblichen Handelskonto gutschreiben müssen. Auch die Gewinne, die mit dem Guthaben bereits erzielt wurden, sind lediglich vorgetäuscht. Das vermeintlich ständig steigende Guthaben wiegt die Anlegerinnen und Anleger in Sicherheit und ist ein starker Anreiz, weiterzumachen.
Der Betrug geht weiter: gemeinsame Investition
Die vermeintlichen Finanzexpertinnen oder Finanzexperten überzeugen die Mitglieder der Gruppenchats davon, dass es effektiver ist, das Handelskapital gebündelt einzusetzen. Das Kapital wird angeblich auf bestimmten Konten gutgeschrieben. Die Handelsaktivitäten finden jedoch in Wirklichkeit überhaupt nicht statt. Um eine Auszahlung des eingesetzten Kapitals und der angeblichen Gewinne zu verzögern, werden Programme ins Leben gerufen, die oft in mehreren Etappen über Monate laufen und in denen erst am Ende der Laufzeit eine Auszahlung erfolgen soll, zu der es aber nicht kommt.
Erhöhter Druck und Totalverlust
Im weiteren Verlauf wird der Druck auf die Anlegerinnen und Anleger erhöht, weitere Einzahlungen zu leisten. Die Kriminellen finden dabei sehr kreative Wege: Wenn Sie angeblich vorbörslich gehandelte Krypto-Token erworben haben, wird beispielsweise vorgegeben, man habe Ihnen zu viele Token zugeteilt, die Sie nun nachträglich bezahlen müssen. Versuche, eine Auszahlung von Gewinnen zu initiieren, werden zunächst mit dem Verweis auf zu zahlende Steuern und Gebühren abgewiesen. Der Totalverlust des eingezahlten Kapitals ist zu erwarten.
Der Betrug nach dem Betrug
Auch Jahre nach dem Anlagebetrug über die Chatgruppen sind Anlegerinnen und Anleger nicht vor weiteren Betrugsversuchen sicher. Beim „Recovery Scam“ werden sie nach mehreren Jahren unter dem Vorwand kontaktiert, ihr verlorenes Geld sei gefunden oder sichergestellt worden. Allerdings müssten sie zunächst eine Zahlung für Steuern, Gebühren oder Ähnliches leisten, bevor sie das Geld wiederbekommen. Für die Kontaktaufnahme mit dem Opfer erfinden die Kriminellen häufig Behördennamen oder missbrauchen die Identitäten von bestehenden Institutionen, um seriös zu wirken.